Design Talk mit Victoria Juretko
Designerin des Spekulums PEA – eine sanfte Revolution der gynäkologischen Untersuchung.
Was war der Ausgangspunkt für die Entwicklung von PEA?
Im Masterstudium hatte ich die Möglichkeit, ein letztes Projekt frei zu wählen, und mir war wichtig, etwas auszuprobieren, das ich vorher noch nicht gemacht hatte. So bin ich bei der Medizintechnik gelandet. Relativ schnell kam ich auf das Spekulum, weil ich damit selbst mehr schlechte als gute Erfahrungen gemacht habe, wobei das Instrument dabei immer eine grosse Rolle gespielt hat. Eigentlich sollte es nur ein Semesterprojekt werden, aber ich habe schnell gemerkt, dass mir das Thema zu wichtig ist, um es danach einfach im Portfolio abzulegen. Deshalb habe ich beschlossen, meinen ganzen Master dem Spekulum zu widmen.
Wie bist du an die Gestaltung eines so sensiblen medizinischen Instruments herangegangen?
Ich habe mir zuerst überlegt, was bisher bei der Gestaltung eines Spekulums nicht berücksichtigt wurde und bin dann ganz bewusst in die andere Richtung gegangen. Mir war wichtig, nach Bereichen zu suchen, in denen Komfort mindestens so ernst genommen wird wie Funktionalität. Schon am Anfang habe ich durch Gespräche und Umfragen gemerkt, dass ich mit dem Wunsch nach mehr Komfort nicht allein bin. Neben der Form habe ich viele Studien gelesen und mich mit Gender Studies und politischen Debatten zum weiblichen Körper auseinandergesetzt. Die Ermächtigung über den eigenen Körper durch das Steuern des Einführens sind aus dieser Recherche entstanden und stehen nicht nur für ein wirklich angenehmeres Gefühl für die Patient:in, sondern sind auch ein starkes politisches Statement. Wir holen uns die Kontrolle über unsere eigenen Körper zurück.
Welche Rolle spielte Empathie im Designprozess?
Empathie spielt hier eine besonders grosse Rolle. Sie entsteht vor allem dann, wenn man selbst schon einmal in der gleichen oder ähnlichen Situation war. Schaut man auf die Ursprünge des Spekulums, die gesellschaftlich bedingt ausschliesslich männlich dominiert waren, wird einem schnell klar, warum Aspekte wie Komfort oder emotionale Sicherheit damals keine Priorität hatten. Genau deshalb wollte ich diesen Blickwinkel verändern und Empathie zur Grundlage der Gestaltung machen.
PEA wird von der Patientin selbst eingeführt – was verändert das an der Untersuchungssituation?
Die Selbsteinführung verändert nicht nur den Untersuchungsmoment an sich, sondern auch den Umgang mit der ganzen Situation. Um PEA nutzen zu können, setzen sich Patient:innen vorher bewusst mit dem Ablauf auseinander, sie wissen was passiert und behalten die Kontrolle. Das nimmt viel von dem Unvorhersehbaren, das eine Untersuchung sonst oft so unangenehm macht und schafft ein ganz anderes Gefühl von Sicherheit und Selbstbestimmung.
Wie reagierten Ärztinnen und Ärzte auf das Konzept?
Das Feedback war durchgehend positiv. Viele haben mir gesagt, dass sie die bestehenden Instrumente bisher noch nie wirklich hinterfragt haben, nach dem Motto: „Was sich schon so lange bewährt hat, kann ja nicht schlecht sein.“ Genau an diesem Punkt sehe ich aber meine Aufgabe als Gestalterin: Fragen zu stellen, Dinge neu zu betrachten und dort Veränderung anzustossen, wo sich Routinen eingeschlichen haben.
Welche Material- und Formüberlegungen waren entscheidend?
Bei Form und Material habe ich mich in erster Linie von Sexspielzeug inspirieren lassen. Dort stehen Komfort und die Möglichkeit der Selbsteinführung an erster Stelle, Bedürfnisse werden von Beginn an mitgedacht. Ich wollte etwas gestalten, das beim Betrachten nicht abschreckt, sondern vielleicht sogar ein vertrautes Gefühl vermittelt (zumindest, wenn man schon einmal Sexspielzeug gesehen oder verwendet hat, haha). Rundere Formen waren daher ein Muss, und Kunststoff ist aktuell auch unsere Materialentscheidung. Unser Ziel ist es jedoch, einen Weg zu finden, wie das Ganze langfristig nachhaltiger gestaltet werden kann.
Peva ist ein Hybrid zwischen Einweg und Mehrweg – warum war das wichtig?
Für mich passt die Gynäkologie nicht zur Einwegprodukt-Bewegung. Nachhaltigkeit sollte gerade dort, wo es um neues Leben geht, ernst genommen werden. Mit der hybriden Variante wollen wir den Zugang zu beiden Optionen erleichtern: Wenn die Patient:in keine Wiederverwendung möchte, kann das Instrument entsorgt werden. Wenn sie Interesse hat, kann sie es mitnehmen und bei der nächsten Untersuchung wiederverwenden. So entsteht weniger Müll und gleichzeitig mehr Vertrautheit ‑ein Gewinn für beide Seiten.
Welche grösste Hürde musstest du im Entwicklungsprozess überwinden?
Aus gestalterischer Perspektive war es definitiv die Formanpassung, das sexy Design, das ich mir ausgemalt habe, geht leider nicht gut einher mit den Regularien.
Wie definierst du gute Gestaltung im medizinischen Kontext?
Gute Gestaltung im medizinischen Kontext bedeutet für mich, bedürfnisorientiert und inklusiv zu denken. In der Gynäkologie spielt die Patient:in eine zentrale Rolle und sollte unbedingt in den Gestaltungsprozess einbezogen werden. Aber auch in anderen Fachbereichen gilt: weniger Stereotype, mehr Vielfalt. Griffe, Instrumente und Geräte sollten für alle Hand-/Körpergrössen und Körperformen gestaltet sein – nicht nur für männliche.
Was wünschst du dir, dass sich in der Frauengesundheit verändert?
Ernstgenommen zu werden mit Problemen, Bedenken aber auch Ideen.
Victoria Juretko ist Absolventin des Masterstudios Industrial Design am Institute Contemporary Design Practices (ICDP) der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW.